Dritte Drohne und Explosionsspuren bei Leipzig: Ermittlungen zeichnen zunehmend komplexeres Bild
Der mutmaßliche Drohnenanschlag am Flughafen Leipzig/Halle wirft immer mehr Fragen auf. Nach dem Fund einer dritten Drohne und neuen Hinweisen auf eine Explosion im nahe gelegenen Kursdorf untersuchen die Ermittler inzwischen ein offenbar komplexeres Geschehen als zunächst bekannt.
In der Nacht zum 5. August war auf dem Flughafengelände eine Drohne mit einem Sprengsatz entdeckt worden. Sie lag in der Nähe ukrainischer Antonow-Frachtflugzeuge. Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen später wegen des Verdachts eines versuchten Sprengstoffanschlags und eines gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr. (tagesschau.de)
Besonders relevant ist inzwischen ein weiterer Drohnenfund. Nach Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR wurde am 14. August im nahe gelegenen Kabelsketal eine dritte Drohne entdeckt. Die Behörden prüfen nun, welche Funktion dieses Fluggerät im möglichen Anschlagsplan hatte. (DIE ZEIT)
Bei der Untersuchung wurden nach Medienberichten Rückstände von möglicherweise rund 50 Gramm Hexogen festgestellt. Entscheidend ist dabei: Der Sprengstoff soll offenbar nicht an der Drohne selbst befestigt gewesen sein. Auch dieser Fund ist deshalb noch Gegenstand der laufenden Ermittlungen. (DIE ZEIT)
Damit verändert sich zumindest die bisherige Rekonstruktion des Falls. Statt lediglich von einem einzelnen Fluggerät auszugehen, müssen die Ermittler inzwischen mehrere Drohnen und möglicherweise unterschiedliche technische Komponenten in einen gemeinsamen Ablauf einordnen.
Bildunterschrift: Ermittler suchen am Flughafen Leipzig/Halle und im angrenzenden Kursdorf nach Spuren des Drohnenvorfalls.
Bildnachweis: Hendrik Schmidt/dpa, veröffentlicht unter anderem bei tagesschau.de. (tagesschau.de)
Zusätzliche Aufmerksamkeit erregt der Ort Kursdorf. Dort fanden Ermittler nach Medienberichten Spuren, die auf eine mögliche Explosion hindeuten. Zeugen hatten zuvor einen Knall gehört, außerdem soll ein Beobachter vom Flughafentower eine Rauchsäule gesehen haben. (tagesschau.de)
Bei der Suche stießen die Einsatzkräfte demnach auf verbrannte Erde und kleine Metallfragmente. Ob es sich tatsächlich um den Ort einer Explosion handelte und was dort möglicherweise detoniert ist, war zunächst nicht abschließend geklärt. (tagesschau.de)
Besonders interessant ist ein weiterer Fund in Kursdorf: An einem Baum entdeckten Ermittler eine befestigte Antenne sowie zusätzliche elektronische Bauteile. Nach bisherigen Erkenntnissen könnten diese Komponenten zur Steuerung einer Drohne gedient haben. (tagesschau.de)
Damit entsteht ein mögliches Szenario, das deutlich komplexer wäre als ein einzelner Drohnenflug. Die Ermittler prüfen, ob von Kursdorf aus technische Systeme eingesetzt wurden, um eines oder mehrere Fluggeräte zu steuern. Bewiesen ist diese Rekonstruktion allerdings noch nicht.
Auch ein zweiter Flugvorfall spielt eine wichtige Rolle. In derselben Nacht kam es zu einem Zwischenfall mit einem DHL-Frachtflugzeug. Das Flugzeug wurde nach dem Vorfall nach Hannover umgeleitet. Dort stellten Ermittler eine Beschädigung am Leitwerk fest, die offenbar auf eine Kollision hindeutet. (tagesschau.de)
Die dabei vermutete zweite Drohne wurde bislang nicht gefunden. Nach Einschätzung der Ermittler könnte das Fluggerät beim Zusammenstoß in ein Triebwerk geraten und dadurch weitgehend zerstört worden sein. Auch diese Erklärung bleibt eine Ermittlerhypothese und ist nicht abschließend bewiesen. (tagesschau.de)
Interessant ist deshalb die Frage, ob mehrere Fluggeräte Teil eines gemeinsamen Plans gewesen sein könnten. Die Behörden prüfen offenbar unterschiedliche Zusammenhänge zwischen der Drohne am Flughafen, dem Vorfall mit dem DHL-Flugzeug und dem später entdeckten Fluggerät.
Eine definitive Aussage über eine sogenannte „Operationsdrohne“ oder ein Mutterschiff wäre derzeit jedoch verfrüht. Solche Begriffe beschreiben eine mögliche Ermittlungsrichtung, nicht einen bereits nachgewiesenen Ablauf.
Auch die Rolle des Busfahrers, über die öffentlich teilweise widersprüchlich berichtet wurde, muss nüchtern betrachtet werden. Nach Informationen des ZDF handelte es sich tatsächlich um einen Flughafenmitarbeiter, der die Drohne entdeckte und die Sicherheitsbehörden informierte. (ZDFheute)
Andere Berichte beschrieben später genauer, wie es dazu gekommen sein soll. Die ZEIT berichtete unter Berufung auf Videoaufnahmen, dass die Drohne nach dem Aufprall auf einer Tragfläche zu Boden fiel und dort später von einem Busfahrer entdeckt wurde. (DIE ZEIT)
Damit lässt sich zumindest ein Teil der kursierenden Darstellungen einordnen. Die unterschiedlichen Schilderungen darüber, ob die Drohne aus der Luft abgefangen, berührt oder lediglich am Boden entdeckt wurde, sind nicht automatisch ein Beweis für eine erfundene Geschichte.
Auch die Behauptung, der Busfahrer sei eine bloße Legende oder werde bewusst aus der Öffentlichkeit herausgehalten, lässt sich nicht belegen. Dass der Flughafen keine Interviews mit Mitarbeitern zu einem laufenden Ermittlungsverfahren vermittelt, ist zunächst kein ungewöhnliches Vorgehen.
Die Ermittlungen werden inzwischen auf Bundesebene geführt. Der Generalbundesanwalt hatte den Fall wegen seiner besonderen Bedeutung übernommen und sprach von einem schwerwiegenden Angriff auf die deutsche Transport- und Logistikinfrastruktur. (tagesschau.de)
Gerade deshalb ist die Frage nach den Hintergründen von erheblicher Bedeutung. Sollte sich bestätigen, dass mehrere Drohnen, technische Steuerungssysteme und unterschiedliche Einsatzorte zusammengehörten, würde dies auf eine deutlich aufwendigere Vorbereitung hindeuten als bei einem isolierten Drohnenvorfall.
Noch wichtiger ist jedoch die Frage nach dem Motiv und den Verantwortlichen. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es öffentlich keine belastbare Grundlage, einen bestimmten Staat oder eine bestimmte politische Gruppe für den Vorfall verantwortlich zu machen.
Auch eine Verbindung zu Russland oder zur Ukraine darf deshalb nicht allein aus dem Zielobjekt abgeleitet werden. Dass sich ukrainische Frachtflugzeuge am Flughafen befanden, ist ein relevanter Bestandteil der Ermittlungen, beweist aber noch nicht, wer hinter dem mutmaßlichen Anschlagsversuch steckt.
Die neuen Funde verändern damit weniger die Fakten als vielmehr den Ermittlungsrahmen. Eine dritte Drohne, mögliche Explosionsspuren in Kursdorf, technische Bauteile und der parallele Zwischenfall mit einem DHL-Flugzeug ergeben mehrere offene Fragen, die nun miteinander abgeglichen werden müssen.
Der Fall ist deshalb noch lange nicht aufgeklärt. Die entscheidenden Antworten betreffen die genaue Funktion der einzelnen Drohnen, die Herkunft und Nutzung der technischen Ausrüstung, die Ursache der möglichen Explosion in Kursdorf und schließlich die Identität der Verantwortlichen.
Von einer bereits feststehenden „180-Grad-Wende“ kann daher nicht gesprochen werden. Die neuen Erkenntnisse erweitern vielmehr das bisherige Bild und machen deutlich, dass die Ermittler einen möglicherweise komplexen Vorgang rekonstruieren müssen.
Solange die Untersuchungen laufen, sollten einzelne Hypothesen nicht als Tatsachen dargestellt werden. Sicher ist bislang, dass mehrere verdächtige Fluggeräte beziehungsweise Spuren gefunden wurden und dass die Behörden einen möglichen Anschlagsversuch auf den Flughafen Leipzig/Halle untersuchen. (medienservice.sachsen.de)
Gerade die Kombination aus Drohnenfund, möglicher Explosion und technischer Ausrüstung macht den Fall politisch brisant. Welche Geschichte sich daraus tatsächlich ergibt, wird jedoch erst feststehen, wenn die Ermittler die einzelnen Spuren zu einem belastbaren Gesamtbild zusammenführen können.
