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Die Identität der Ukraine: Warum Geschichte für Krone-Schmalz zum Schlüssel des heutigen Konflikts wird!.TA

Die Identität der Ukraine: Warum Geschichte für Krone-Schmalz zum Schlüssel des heutigen Konflikts wird

Filmhaus Köln

Die Frage nach der ukrainischen Identität reicht weit über den gegenwärtigen Krieg hinaus. Gabriele Krone-Schmalz verweist auf eine wechselvolle Geschichte, in der unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, politische Ordnungen und historische Erfahrungen aufeinandertrafen.

Das Gebiet der heutigen Ukraine war über Jahrhunderte hinweg politisch und kulturell unterschiedlich geprägt. Neben Ukrainern lebten dort unter anderem Russen, Polen, Juden, Deutsche, Rumänen, Tschechen sowie weitere ethnische und religiöse Gemeinschaften.

Damit war die Entwicklung einer gemeinsamen nationalen Identität keineswegs ein geradliniger Prozess. Die unterschiedlichen Regionen gehörten zeitweise zu verschiedenen politischen Reichen und entwickelten entsprechend eigene historische, sprachliche und konfessionelle Traditionen.

Besonders deutlich wurde diese historische Vielfalt nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie und des Russischen Reiches. In den Jahren 1917 bis 1919 entstanden mehrere ukrainische Staatsprojekte, darunter die Ukrainische Volksrepublik und die Westukrainische Volksrepublik.

Die Ukrainische Volksrepublik entstand im Kontext der Revolution von 1917 und erklärte Anfang 1918 ihre staatliche Unabhängigkeit. Parallel dazu bildeten westukrainische Politiker nach dem Ende Österreich-Ungarns einen eigenen Staat mit Zentrum in Galizien.

Beide politischen Projekte standen allerdings unter erheblichem äußeren Druck. Gleichzeitig kämpften verschiedene politische und militärische Kräfte um die Kontrolle über ukrainische Gebiete. Die kurze Phase staatlicher Eigenständigkeit mündete schließlich in die Eingliederung großer Teile des Landes in die sowjetische Ordnung.

1922 wurde die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik Gründungsmitglied der Sowjetunion. Andere westliche Gebiete blieben zunächst außerhalb der sowjetischen Ukraine und gehörten unter anderem zu Polen, Rumänien oder der Tschechoslowakei.

Gabriele Krone-Schmalz im politischen Gespräch über Russland und die Ukraine. Die historische Einordnung der ukrainischen Identität gehört zu einem wiederkehrenden Schwerpunkt ihrer Argumentation. Bild: ZDF/Phoenix.

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Gerade diese territoriale Entwicklung ist für die historische Betrachtung entscheidend. Teile der heutigen Westukraine wurden erst im Zuge des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen in die Ukrainische Sowjetrepublik integriert. Damit veränderte sich auch die Zusammensetzung des sowjetischen Staatsgebiets.

Der Zweite Weltkrieg hinterließ zudem tiefe politische und gesellschaftliche Brüche. Menschen aus ukrainischen Gebieten kämpften in unterschiedlichen Armeen und politischen Lagern, während zugleich Kollaboration, Besatzung, Verfolgung und massive Gewalt die Gesellschaft prägten.

Nach 1945 wurden verschiedene Gebiete endgültig Bestandteil der Ukrainischen Sowjetrepublik. Dazu gehörten unter anderem Gebiete aus der früheren polnischen, rumänischen und tschechoslowakischen Einflusssphäre. Die spätere Ukraine entstand somit aus mehreren historischen und territorialen Entwicklungen.

Mit der Unabhängigkeit von 1991 entstand schließlich der heutige ukrainische Staat. Die territoriale Einheit war damit politisch hergestellt, doch die unterschiedlichen regionalen Erfahrungen verschwanden nicht automatisch. Gerade darin liegt ein wichtiger Ausgangspunkt der von Krone-Schmalz beschriebenen Identitätsfrage.

Krone-Schmalz verweist in diesem Zusammenhang auf den Politikwissenschaftler Nicolai N. Petro von der University of Rhode Island. Petro beschäftigt sich in seinem Buch The Tragedy of Ukraine ausdrücklich mit den inneren historischen und politischen Wurzeln des ukrainischen Konflikts.

Petros Buch trägt den Untertitel „What Classical Greek Tragedy Can Teach Us About Conflict Resolution“ und widmet mehrere Kapitel den Themen „Two Nations in One State“, Nationalismus sowie den Konflikten um Krim und Donbass. Seine Perspektive betont damit ausdrücklich die innergesellschaftliche Dimension des Konflikts.

Diese Interpretation ist allerdings nicht mit der Aussage gleichzusetzen, die Ukraine besitze keine eigene Identität. Vielmehr geht es um die Frage, wie unterschiedliche regionale, sprachliche und historische Identitäten innerhalb eines gemeinsamen Staates politisch miteinander verbunden werden können.

Gerade die russischsprachige Bevölkerung im Osten und Süden spielt in dieser Debatte eine wichtige Rolle. Petro argumentiert, dass ein Teil dieser Bevölkerung eine russische kulturelle Identität mit einer ukrainischen staatsbürgerlichen Identität verbinden könne.

Damit verschiebt sich die politische Fragestellung: Nicht nur die Existenz eines ukrainischen Staates steht im Mittelpunkt, sondern auch die Frage, wie dieser Staat unterschiedliche historische Selbstverständnisse institutionell zusammenführen kann.

Krone-Schmalz verbindet diese Überlegung mit ihrer Kritik an einer Politik, die historische Widersprüche ihrer Ansicht nach zu stark vereinfacht. Ihr Argument lautet sinngemäß, dass politische Lösungen dauerhaft nur funktionieren können, wenn regionale Erfahrungen und historische Konfliktlinien berücksichtigt werden.

Besonders umstritten ist dabei ihre Vorstellung einer stärkeren föderalen oder dezentralen Struktur. Eine solche Lösung wird von ihr als möglicher Ansatz beschrieben, um unterschiedliche regionale Interessen innerhalb eines Staates miteinander zu verbinden. Ob dies politisch tragfähig wäre, bleibt eine eigenständige Streitfrage.

Auch die außenpolitische Dimension spielt in ihrer Argumentation eine zentrale Rolle. Die Ukraine lag historisch zwischen unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Räumen. Daraus entstand die Vorstellung eines Landes, das Verbindungen sowohl nach Westen als auch nach Osten unterhalten konnte.

Mit der europäischen Annäherung und der wachsenden Konfrontation zwischen Russland und dem Westen wurde diese Zwischenposition zunehmend schwieriger. Krone-Schmalz interpretiert die Entwicklung deshalb nicht ausschließlich als Ergebnis russischer Einflussnahme, sondern auch als Folge konkurrierender geopolitischer Interessen.

Diese Sichtweise ist politisch umstritten. Kritiker einer solchen Interpretation warnen davor, die Verantwortung Russlands für die Verletzung ukrainischer Souveränität und territoriale Gewalt relativieren zu können. Die historische Erklärung innerer Konfliktlinien ersetzt deshalb keine Bewertung des Völkerrechts.

Umgekehrt lässt sich aus der Existenz einer eigenständigen ukrainischen Nation nicht ableiten, dass regionale Identitätsunterschiede bedeutungslos wären. Die Geschichte zeigt vielmehr, dass nationale Zugehörigkeit, Sprache, Religion und politische Loyalität in der Ukraine über lange Zeit unterschiedlich ausgeprägt waren.

Gerade deshalb bleibt die Frage nach der ukrainischen Identität auch für die Gegenwart relevant. Sie betrifft nicht nur Geschichtsschreibung, sondern ebenso staatliche Institutionen, Minderheitenrechte, regionale Selbstverwaltung und das Verhältnis zwischen ukrainischer Staatsbürgerschaft und unterschiedlichen kulturellen Traditionen.

Die zentrale These des Transkripts lautet damit nicht, dass die Ukraine keine eigene nationale Identität besitzt. Vielmehr wird argumentiert, dass diese Identität historisch aus verschiedenen regionalen Erfahrungen hervorgegangen ist und deshalb nicht auf eine einzige politische oder kulturelle Erzählung reduziert werden sollte.

Für die heutige Konfliktanalyse bedeutet das einen Perspektivwechsel. Wer die politischen Spannungen der Ukraine verstehen will, muss neben der russischen Außenpolitik auch die historische Entwicklung des ukrainischen Staates, seine regionalen Unterschiede und die konkurrierenden Vorstellungen nationaler Zugehörigkeit betrachten.

Die Debatte bleibt dennoch kontrovers. Historische Vielfalt kann erklären, warum politische Konflikte entstehen und weshalb bestimmte Kompromissmodelle diskutiert werden. Sie beantwortet jedoch nicht automatisch die Frage, welche politische Ordnung heute legitim oder für die ukrainische Bevölkerung akzeptabel wäre.

Gerade darin liegt die politische Bedeutung der historischen Perspektive von Krone-Schmalz: Sie fordert dazu auf, die Ukraine nicht ausschließlich als Schauplatz eines Konflikts zwischen Russland und dem Westen zu betrachten, sondern auch als Gesellschaft mit einer komplexen eigenen Entwicklung.

Ob daraus tatsächlich föderale Strukturen, stärkere Dezentralisierung oder andere politische Lösungen folgen sollten, bleibt offen. Sicher ist lediglich, dass die Geschichte der Ukraine mehrere Identitätsebenen hervorgebracht hat, deren Verhältnis zueinander bis heute politisch relevant ist.

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Die Auseinandersetzung über die ukrainische Identität ist deshalb mehr als ein historischer Streit. Sie berührt die grundlegende Frage, wie ein moderner Staat mit unterschiedlichen regionalen Erinnerungen und kulturellen Zugehörigkeiten umgehen kann – und welche Lehren daraus für politische Konfliktlösungen gezogen werden.

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