Zwischen Annäherung und Entfremdung: Krone-Schmalz über Russland, Putin und das verlorene europäische Projekt

Gabriele Krone-Schmalz blickt in einem Gespräch auf die Entwicklung Russlands seit den 1990er-Jahren zurück. Im Mittelpunkt stehen Wladimir Putins Aufstieg, die deutsch-russischen Beziehungen und die Frage, warum frühere Hoffnungen auf eine engere europäische Zusammenarbeit zerbrochen sind.
Krone-Schmalz beschreibt die Regierungszeit Boris Jelzins ausgesprochen kritisch. Ihrer Darstellung zufolge wurde Jelzin im Westen zunächst als Reformer und Demokrat wahrgenommen, während die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation Russlands gleichzeitig von tiefgreifenden Krisen und Instabilität geprägt gewesen sei.
Mit dem Amtsantritt Wladimir Putins habe sich aus ihrer Sicht die politische Wahrnehmung Russlands grundlegend verändert. Sie verweist dabei nicht nur auf politische Entscheidungen, sondern auch auf Putins persönliches Auftreten, das vielen Menschen wieder ein Gefühl von Stabilität und staatlicher Ordnung vermittelt habe.
Die Journalistin verbindet Putins frühen politischen Erfolg deshalb mit der Wiederherstellung staatlicher Handlungsfähigkeit. Zugleich erinnert sie daran, dass die Entwicklung der russischen Zivilgesellschaft während dieser Phase nicht ausschließlich durch Konfrontation mit dem Westen geprägt gewesen sei.
Krone-Schmalz betont insbesondere, dass sie sich in den frühen Putin-Jahren eine stärkere Einbettung Russlands in europäische Strukturen gewünscht hätte. Westliche Beobachter hätten ihrer Einschätzung nach häufig stärker auf Putins Herkunft beim KGB als auf die tatsächlichen politischen Entwicklungen geblickt.
Diese Bewertung verweist auf einen grundsätzlichen Streit über den Umgang Europas mit Russland. Die zentrale Frage lautet dabei, ob eine stärkere politische und gesellschaftliche Annäherung langfristig zu mehr Stabilität hätte beitragen können oder ob strukturelle Konflikte dadurch lediglich später sichtbar geworden wären.
Ein wichtiger Bezugspunkt des Gesprächs ist Putins Rede im Deutschen Bundestag vom 25. September 2001. Der russische Präsident sprach damals auf Deutsch vor den Abgeordneten und warb für eine engere Verbindung zwischen Russland und Europa.
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Die Rede gilt rückblickend als Symbol einer Phase, in der eine intensivere deutsch-russische Zusammenarbeit noch mit erheblichen Erwartungen verbunden war. Putin sprach ausdrücklich von Europas Interesse an engeren Beziehungen zu Russland und von einem gemeinsamen europäischen Haus.
Auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse stellte damals die langjährigen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontakte zwischen beiden Ländern heraus. Zugleich verwies er auf die historische Verantwortung Deutschlands und die Bedeutung einer europäischen Zusammenarbeit mit Russland.
In diesem historischen Zusammenhang erhält Krone-Schmalz’ Rückblick eine besondere politische Dimension. Sie argumentiert, dass eine andere Entwicklung der Beziehungen möglich gewesen wäre, wenn europäische Staaten Russland stärker als potenziellen Partner behandelt hätten.
Besonders kontrovers ist ihre Aussage, eine funktionierende Zusammenarbeit zwischen Europa und Russland liege nicht im Interesse der Vereinigten Staaten. Diese Einschätzung ist im Gespräch als politische Interpretation formuliert und lässt sich nicht ohne Weiteres als objektiv feststehende Tatsache darstellen.
Die Aussage verweist jedoch auf eine größere geopolitische Debatte: Welche Rolle sollte Europa zwischen den Vereinigten Staaten und Russland einnehmen? Krone-Schmalz plädiert dabei grundsätzlich dafür, unterschiedliche Interessen offen anzusprechen, anstatt sie durch politische Lagerbildung zu überdecken.
Der historische Blick auf die deutsch-russischen Beziehungen wird im Gespräch zudem durch die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg erweitert. Krone-Schmalz verweist auf die enormen sowjetischen Verluste und darauf, dass Deutschland später dennoch eine Form der Aussöhnung mit Russland erreichen konnte.
Die Erinnerung an den Krieg besitzt dabei eine besondere Bedeutung. Der Deutsche Bundestag hat wiederholt daran erinnert, dass der deutsche Angriff auf die Sowjetunion enorme Opfer forderte und die Beziehungen zwischen Deutschen und Russen über Jahrzehnte prägte.
Krone-Schmalz stellt deshalb die Frage, ob eine langfristige politische Entfremdung zwischen Deutschland und Russland die Voraussetzungen für eine spätere Verständigung erschweren könnte. Eine Prognose über die Zukunft formuliert sie dabei nicht abschließend, sondern verweist auf die historische Erfahrung.
Gleichzeitig setzt sie eine klare Grenze gegenüber einer Relativierung des russischen Vorgehens in der Ukraine. Sie bezeichnet den russischen Einmarsch ausdrücklich als völkerrechtswidrig und macht deutlich, dass die Bewertung dieser militärischen Entscheidung nicht der eigentliche Streitpunkt ihrer Argumentation sei.
Diese Unterscheidung ist für ihre Argumentation zentral. Sie fordert vielmehr eine Analyse der Entwicklungen, die dem russischen Angriff vorausgingen. Nur wenn auch die Vorgeschichte untersucht werde, könne nach ihrer Auffassung eine belastbare Grundlage für eine langfristige Friedensordnung entstehen.
International ist die rechtliche Bewertung des russischen Vorgehens eindeutig dokumentiert. Die UN-Generalversammlung forderte im März 2022 mit großer Mehrheit den sofortigen und bedingungslosen Abzug russischer Truppen aus der Ukraine und bekräftigte deren Souveränität und territoriale Integrität.
Damit stehen zwei Ebenen nebeneinander: die völkerrechtliche Bewertung des russischen Angriffs und die politische Frage nach den Entwicklungen, die diesem Angriff vorausgingen. Krone-Schmalz konzentriert sich im Gespräch vor allem auf die zweite Ebene, ohne die erste grundsätzlich infrage zu stellen.
Ihre Argumentation mündet deshalb weniger in eine eindeutige politische Forderung als in einen Appell zur historischen Analyse. Die entscheidende Frage lautet, welche politischen Entscheidungen, Fehlentwicklungen und gegenseitigen Wahrnehmungen zur heutigen Konfrontation beigetragen haben.
Gerade dieser Punkt bleibt politisch umstritten. Während die russische Invasion als Verstoß gegen die Grundsätze der UN-Charta dokumentiert ist, bestehen unterschiedliche Bewertungen darüber, wie die Beziehungen zwischen Russland, Deutschland, Europa und den USA in den Jahrzehnten zuvor zu beurteilen sind.
Am Ende des Gesprächs steht daher keine einfache Erklärung für die heutige Konfrontation. Vielmehr plädiert Krone-Schmalz dafür, Ursachen und Entwicklung des Konflikts umfassender zu untersuchen. Ob daraus künftig wieder eine tragfähige europäische Sicherheitsordnung entstehen kann, bleibt offen.
Die politische Bedeutung ihrer Aussagen liegt damit vor allem in der Forderung, historische Entwicklungen nicht auf einzelne Ereignisse zu reduzieren. Zwischen der Hoffnung auf Kooperation nach dem Kalten Krieg und der heutigen Konfrontation liegt eine lange Geschichte, deren Bewertung weiterhin Gegenstand kontroverser Debatten ist.
