Inhaltshinweis: Dieser Beitrag behandelt Kollaboration in Kriegszeiten, Denunziation von Bekannten und Familienangehörigen sowie tragische Folgen. Zweck: historische Bildung und Gedenken.
Von Aarhus zu den Gestapo-Akten: Grethe Bartram – Dänemarks berüchtigtste Informantin im Krieg
Grethe Bartram (geborene Jensen) wurde am 23. Februar 1924 in Aarhus in eine arme, kommunistisch geprägte Familie hineingeboren. Ihre Kindheit war von Entbehrungen und Unsicherheit geprägt. Als Nazi-Deutschland Dänemark am 9. April 1940 besetzte, war Grethe erst 16 Jahre alt.
In einer Zeit, in der viele Däninnen und Dänen stillen Widerstand leisteten oder sich organisierten Widerstandsnetzwerken anschlossen, schlug Grethe einen anderen Weg ein: die Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht.
1942, im Alter von 18 Jahren, begann sie Informationen an die dänische Polizei weiterzugeben und nahm bald direkten Kontakt zur Gestapo auf. In den folgenden drei Jahren denunzierte Grethe mehr als 53 Menschen – Nachbarn, Freunde, Mitglieder des Widerstands und sogar Angehörige der eigenen Familie:
- ihren Bruder, Niels Jensen
- ihren Verlobten/Ehemann, Frode Thomsen
- zahlreiche Personen aus einer kommunistischen Jugendgruppe, der sie früher selbst angehört hatte
Ihre Meldungen führten zu Verhaftungen, harten Verhören und zur Deportation vieler Betroffener in deutsche Lager. Mindestens acht der von ihr Denunzierten kehrten nie zurück; die meisten starben in Neuengamme, Stutthof oder anderen Lagern.
1944 verurteilte der dänische Widerstand sie in Abwesenheit zum Tode und versuchte, sie zu töten. Die Explosion verletzte sie, doch sie überlebte – und setzte ihre Informantentätigkeit fort.
Nach der Befreiung Dänemarks im Mai 1945 wurde Grethe Bartram verhaftet. Ihr Prozess in den Jahren 1946–1947 wurde zu einem der meistbeachteten Strafverfahren der dänischen Nachkriegsgeschichte.
Das Gericht befand sie der Feindbegünstigung und der Mitverantwortung für den Tod dänischer Staatsbürger schuldig. Zunächst wurde sie zum Tode verurteilt – als eine der sehr wenigen Frauen im modernen Dänemark, gegen die eine solche Strafe verhängt wurde. 1948 wurde das Urteil in lebenslange Haft umgewandelt und später weiter reduziert. 1956 kam sie frei.
Nach ihrer Entlassung wurde Grethe aus Dänemark ausgewiesen und unter neuer Identität in Schweden angesiedelt. Sie lebte zurückgezogen in der Region Malmö bis zu ihrem Tod am 26. Januar 2017 im Alter von 92 Jahren. Eine weithin dokumentierte öffentliche Reueerklärung ist von ihr nicht bekannt.
In der dänischen Erinnerung an die Besatzungszeit gilt Grethe Bartram häufig als Symbol für Verrat aus den eigenen Reihen – und als bleibende Mahnung, dass moralische Entscheidungen unter Besatzung noch lange nach Kriegsende nachwirken können.
Quellen
- Dänisches Nationalarchiv – Prozessunterlagen zu Grethe Bartram
- Henrik Skov Kristensen, Straffesagen mod Grethe Bartram (2007)
- Widerstandsmuseum Dänemark – Abschnitt zu Kollaborateuren
