Vom Unbekannten zur identifizierten Person: Die 80-jährige Suche nach einem am Holocaust beteiligten Täter endet

Hinweis zum Inhalt (historisch): Dieser Artikel behandelt Besatzung, Verfolgung und den Holocaust, was belastend sein kann. Er dient ausschließlich der historischen Information und der Reflexion über Menschenrechte. Er befürwortet weder Gewalt noch Hass oder irgendeine extremistische Ideologie.

Das Foto, das lange unter dem Titel „The Last Jew in Vinnitsa“ bekannt war, gilt als eines der eindringlichsten Dokumente des Holocaust in Osteuropa. Über Jahrzehnte war es jedoch einem falschen Ort zugeordnet. Nach neueren Forschungen des Historikers Jürgen Matthäus (ehemaliger Forschungsleiter am United States Holocaust Memorial Museum – USHMM) wurde die Szene mit hoher Sicherheit der Zitadelle von Berdytschiw (Ukraine) zugewiesen, und der abgebildete Täter wurde mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als SS-Offizier Jakobus Onnen identifiziert. Die Identität des Opfers ist weiterhin unbekannt.

Matthäus’ Arbeiten (veröffentlicht 2023–2024 in spezialisierten Fachzeitschriften) führen verschiedene Quellen und Methoden zusammen: Archivfunde, familiäre Erinnerungen, Orts- bzw. topografische Analysen sowie Gesichtserkennungs-Technologie als unterstützendes Werkzeug. Dieser interdisziplinäre Ansatz soll historische Fakten präzisieren und zugleich Fragen zur Ethik des Erinnerns aufwerfen – und dazu, wie Gesellschaften Opfer benennen oder anonym lassen.

Ein ikonisches Bild und jahrzehntelange Fehlzuordnung

Bekannt wurde das Foto unter anderem im Zuge des Eichmann-Prozesses (1961) in Israel. Es wurde von einem Holocaust-Überlebenden eingebracht, der 1945 in München einen Abzug erhielt. Damals trug es die Bildunterschrift „The Last Jew in Vinnitsa“ und wurde häufig auf 1941–1943 datiert – was die Annahme festigte, es handle sich um ein Ereignis in Winnyzja (Ukraine).

Der Wendepunkt: Kriegstagebücher und eine Beschriftung auf dem Abzug

Im Jahr 2023 fand Matthäus einen hochwertigen Abzug in der Sammlung von Walter Materna, einem österreichischen Wehrmachtssoldaten, der dem USHMM übergeben worden war. Eine Notiz auf der Rückseite verweist auf Berdytschiw und ein Datum Ende Juli 1941. Ein Tagebucheintrag vom selben Tag sowie topografische Überprüfungen (Vergleich historischer und heutiger Ansichten) stützen die Schlussfolgerung zum Ort.

Identifizierung des Täters und historische Einordnung

Nach der Veröffentlichung dieser Ergebnisse führten Hinweise von Lesern und familiäre Verbindungen zur Person Jakobus Onnen (1906–1943). Eine Person aus dem familiären Umfeld berichtete, den Mann auf dem Foto als Verwandten wiederzuerkennen, der in einer Einheit gedient habe, die an mobilen Tötungsaktionen in der Ukraine während der NS-Besatzung beteiligt war.

Biografische Angaben in der Forschung deuten darauf hin, dass Onnen als Lehrer ausgebildet wurde, in den frühen 1930er Jahren NS-Organisationen beitrat und im Sommer 1941 einer in der Ukraine operierenden Einheit zugeteilt war. Eine Gesichtserkennungs-Software wurde genutzt, um bekannte Fotos mit dem Mann auf dem Bild zu vergleichen; dabei ergab sich ein sehr hoher Übereinstimmungsgrad (als nahe 99 % beschrieben). Onnen fiel 1943 im Kampf und wurde nach dem Krieg nicht vor Gericht gestellt.

Das Opfer bleibt namenlos

Obwohl das Gesicht des Opfers relativ klar erkennbar ist, konnte seine Identität bislang nicht festgestellt werden. Das entspricht der traurigen Realität vieler Massenverbrechen in Osteuropa, bei denen die Namen der Opfer oft nicht dokumentiert wurden. Institutionen und Erinnerungsprojekte (Zeugnisse, Archive, Datenbanken) arbeiten weiter daran, anonymen Opfern ihre Identität zurückzugeben.

Bedeutung des interdisziplinären Vorgehens

Die Rekonstruktion verbindet mehrere Beweisebenen: Archivfunde, familiäre Erinnerung, Ortsanalyse und digitale Werkzeuge als Unterstützung der Verifizierung. Die Korrektur des Ortes und die Identifizierung des Täters vertiefen das Verständnis der Verfolgungsmechanismen – und erinnern zugleich daran, dass hinter jedem historischen Dokument Menschen stehen, von denen viele bis heute ohne Namen bleiben.

Die Geschichte dieses Fotos – von einer jahrzehntelangen Fehlbeschriftung hin zu Ergebnissen, die auf neuen Abgleichen beruhen – ist mehr als eine dokumentarische Korrektur. Sie unterstreicht den Wert sorgfältiger Forschung, den respektvollen Umgang mit Opfern, die Zurückweisung historischer Verzerrung und die fortwährende Wachsamkeit gegen Diskriminierung und Hass im Sinne der Menschenrechte.

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