Krone-Schmalz gegen den neuen Russlandkurs: Zwischen Bedrohungsrhetorik, Medienkritik und Rüstungsinteressen
Gabriele Krone-Schmalz stellt die gegenwärtige deutsche Russland- und Sicherheitspolitik grundsätzlich infrage. Ihre Kritik richtet sich vor allem gegen die Darstellung Russlands als wachsende militärische Bedrohung und gegen die zunehmende politische Bedeutung von Abschreckung und Aufrüstung.
Im Zentrum ihrer Argumentation steht ein vermeintlicher Widerspruch: Einerseits werde Russland als wirtschaftlich und militärisch geschwächt dargestellt, andererseits warne die Politik vor möglichen russischen Angriffen auf weitere NATO-Staaten. Für Krone-Schmalz passt beides nicht ohne Weiteres zusammen.
Diese Schlussfolgerung ist allerdings politisch umstritten. Die NATO bezeichnet Russland seit 2022 ausdrücklich als „bedeutendste und unmittelbarste Bedrohung“ für die Sicherheit ihrer Mitgliedstaaten. Auch 2026 hält das Bündnis an dieser Einschätzung fest. (NATO)
Die unterschiedliche Bewertung macht deutlich, worum es in der Debatte tatsächlich geht. Die entscheidende Frage ist nicht allein, ob Russland militärisch stark oder schwach ist, sondern welche Fähigkeiten, Absichten und möglichen Entwicklungsszenarien für die europäische Sicherheit relevant sind.
Krone-Schmalz warnt davor, aus möglichen Szenarien bereits konkrete Bedrohungen abzuleiten. Formulierungen wie „man kann es nicht ausschließen“ oder „man muss auf den schlimmsten Fall vorbereitet sein“ seien für sie keine ausreichende Grundlage, um weitreichende politische Entscheidungen zu begründen.
Bildunterschrift: Gabriele Krone-Schmalz bei einem öffentlichen Auftritt. Die Journalistin und Publizistin ist insbesondere für ihre kritische Analyse des Verhältnisses zwischen Russland und dem Westen bekannt. Quelle: öffentlich zugängliche Veranstaltungsaufnahme.
Zwischen Bedrohungsanalyse und politischer Kommunikation
Die offizielle westliche Sicherheitsanalyse ist allerdings konkreter, als es die Rede teilweise nahelegt. Die NATO verweist auf Russlands Krieg gegen die Ukraine, den Ausbau seiner militärischen Fähigkeiten sowie nukleare, konventionelle, Cyber- und hybride Fähigkeiten. Diese Einschätzung ist Teil offizieller Strategiedokumente. (NATO)
Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass jeder Warnruf vor einem möglichen russischen Angriff seriös oder angemessen formuliert ist. Gerade zwischen einer belegten sicherheitspolitischen Einschätzung und einer dramatisierenden öffentlichen Darstellung besteht ein erheblicher Unterschied.
Krone-Schmalz richtet ihren Vorwurf deshalb vor allem gegen die politische Kommunikation. Sie fragt, warum Bürger davon überzeugt werden müssten, Russland als Feind zu betrachten, statt Regierungen ihre Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen und anschließend der Bevölkerung die politische Bewertung zu überlassen.
Diese Vorstellung knüpft an ihre grundsätzliche Kritik am sogenannten Haltungsjournalismus an. Medien sollten nach ihrer Auffassung nicht dazu beitragen, ein bestimmtes politisches Verhalten zu erzeugen, sondern Informationen liefern, unterschiedliche Perspektiven darstellen und Bürger zu eigenständigen Urteilen befähigen.
Dabei ist allerdings auch eine Gegenposition zu berücksichtigen. Journalismus muss nicht jede politische Aussage gleichwertig behandeln. Wenn beispielsweise eine Regierung oder ein Militär Fakten über einen Krieg präsentiert, gehört es zur journalistischen Aufgabe, diese Angaben zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren.
Der Fall von der Leyen
Besonders ausführlich beschäftigt sich Krone-Schmalz mit dem Flug von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach Bulgarien Ende August 2025. Damals berichteten mehrere Medien über eine mutmaßliche GPS-Störung während des Anflugs auf Plowdiw.
Die erste Darstellung war tatsächlich dramatisch. Berichte sprachen von einer erheblichen GPS-Störung, einer Verzögerung von ungefähr einer Stunde und einer Landung mithilfe analoger Karten. Die Europäische Kommission bestätigte zunächst, dass bulgarische Behörden eine russische Einflussnahme vermuteten. (Reuters)
Später wurden wesentliche Teile dieser Darstellung infrage gestellt. Flightradar24 stellte anhand der verfügbaren Flugdaten fest, dass das Flugzeug eine gute Navigationsintegrität meldete und die tatsächliche Verzögerung deutlich geringer war. Das Europäische Parlament fasste diese Widersprüche später ebenfalls zusammen. (European Parliament)
Auch die Darstellung einer Landung mithilfe von Papierkarten erwies sich als problematisch. Nach späteren Angaben wurde für die Landung auf bodengestützte Navigationssysteme wie ILS und VOR zurückgegriffen. Von einer einstündigen Warteschleife konnte anhand der Flugverfolgungsdaten ebenfalls keine Rede sein. (European Parliament)
Damit besitzt Krone-Schmalz’ Kritik an der ursprünglichen medialen Dramatisierung einen überprüfbaren Anknüpfungspunkt. Gleichzeitig bleibt eine wichtige Frage offen: Die späteren Zweifel an einzelnen Darstellungen beweisen nicht automatisch, dass überhaupt keine GPS-Interferenz stattgefunden hat.
Genau diese Differenzierung ist entscheidend. Die Europäische Kommission hatte sich auf Informationen bulgarischer Behörden berufen, die russische Einflussnahme vermuteten. Spätere bulgarische Aussagen stellten jedoch insbesondere eine länger andauernde Störung infrage. Die genaue Ursache blieb damit umstritten. (euronews)
Bildunterschrift: Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission. Ihr Flug nach Plowdiw im August 2025 löste nach Berichten über mögliche GPS-Interferenzen eine kontroverse Debatte aus. Quelle: Europäische Union / öffentlich zugängliche Presseaufnahmen.
Der Fall zeigt damit tatsächlich, wie wichtig die Trennung zwischen einer ersten Meldung, späteren Korrekturen und gesicherten Fakten ist. Er liefert aber keinen Beweis für die weitergehende These, Medien würden grundsätzlich gezielt Feindbilder erzeugen.
Die These vom „Geschäftsmodell Krieg“
Noch weiter geht Krone-Schmalz bei ihrer Kritik an den wirtschaftlichen Interessen hinter der europäischen Aufrüstung. Sie zitiert einen nicht namentlich genannten Lobbyisten mit der Aussage, der Krieg sei ein „Geschäftsmodell“, von dem zahlreiche Unternehmen profitierten.
Diese Aussage muss allerdings als nicht überprüfbare Äußerung eines anonymisierten Gesprächspartners behandelt werden. Aus ihr lässt sich nicht seriös ableiten, dass politische Entscheidungen bewusst getroffen würden, um einen Krieg wirtschaftlich fortzuführen.
Unbestreitbar ist dagegen, dass die europäischen Verteidigungsausgaben erheblich steigen. Deutschland stellte 2026 nach Regierungsangaben mehr als 108 Milliarden Euro für Sicherheit und Verteidigung bereit; der Verteidigungsetat und das Sondervermögen finanzieren unter anderem umfangreiche Beschaffungsprogramme. (Bundesregierung)
Auch die NATO hat ihre Verteidigungsplanung deutlich ausgeweitet. Beim Gipfel von Den Haag 2025 vereinbarten die Mitgliedstaaten, ihre Verteidigungs- und sicherheitsbezogenen Investitionen langfristig auf insgesamt fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts auszurichten. (NATO)
Damit entstehen selbstverständlich wirtschaftliche Gewinner. Rüstungsunternehmen, Zulieferer, Technologieunternehmen und Anbieter von Drohnensystemen profitieren von zusätzlichen staatlichen Aufträgen. Das allein ist jedoch noch kein Beleg dafür, dass die politischen Entscheidungen von wirtschaftlichen Interessen bestimmt werden.
Vielmehr stehen zwei unterschiedliche Argumentationslinien gegenüber. Befürworter der Aufrüstung sehen höhere Ausgaben als notwendige Investition in Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit. Kritiker befürchten, dass wachsende Rüstungsbudgets wirtschaftliche Interessen verstärken und politische Alternativen wie Rüstungskontrolle weniger Aufmerksamkeit erhalten.
Gerade deshalb ist Transparenz entscheidend. Wenn der Staat Milliarden in militärische Fähigkeiten investiert, sollte öffentlich nachvollziehbar sein, welche Bedrohung damit adressiert wird, welche Fähigkeiten tatsächlich benötigt werden und welche Alternativen geprüft wurden.
Was bedeutet „kriegstüchtig“?
Auch der Begriff „Kriegstüchtigkeit“ spielt in der aktuellen deutschen Debatte eine wichtige Rolle. Die Bundesregierung begründet den Ausbau der Bundeswehr mit einer veränderten Sicherheitslage und dem Ziel, Deutschland und seine Bündnispartner glaubwürdig abschrecken und verteidigen zu können. (Bundesregierung)
Krone-Schmalz betrachtet diese Entwicklung dagegen mit großer Skepsis. Für sie besteht die Gefahr, dass militärische Vorbereitung zunehmend als alternativlos dargestellt wird und gesellschaftliche Debatten über Diplomatie, Verhandlungen und Rüstungskontrolle dadurch an Bedeutung verlieren.
Eine sachliche Betrachtung muss allerdings zwischen Aufrüstung und Kriegsabsicht unterscheiden. Höhere Verteidigungsausgaben können aus Sicht ihrer Befürworter gerade dazu dienen, einen Krieg zu verhindern. Gleichzeitig können militärische Aufrüstung und gegenseitige Bedrohungswahrnehmung langfristig eine Eskalationsspirale begünstigen.
Damit berührt die Debatte einen klassischen Konflikt der internationalen Sicherheitspolitik: Abschreckung soll einen Gegner von einem Angriff abhalten, kann aber aus dessen Perspektive selbst als Bedrohung erscheinen. Genau diese Wechselwirkung gehört zu den schwierigsten Fragen strategischer Politik.
Ein Streit über Demokratie
Besonders politisch ist Krone-Schmalz’ Kritik an der Vorstellung, die Bevölkerung müsse von einem bestimmten sicherheitspolitischen Kurs „überzeugt“ werden. Sie dreht das Verhältnis zwischen Regierung und Bürgern bewusst um: Nicht die Bevölkerung müsse einer politischen Linie folgen, sondern Regierungen müssten ihre Entscheidungen erklären und demokratisch legitimieren.
Das ist als demokratiepolitischer Anspruch nachvollziehbar. Gleichzeitig bedeutet demokratische Politik nicht, dass Regierungen auf Entscheidungen verzichten müssen, solange nicht jeder Bürger überzeugt ist. Außen- und Sicherheitspolitik gehören zu den Bereichen, in denen gewählte Regierungen Entscheidungen auf Grundlage parlamentarischer Verfahren treffen.
Die entscheidende Grenze liegt deshalb bei der Transparenz. Bürger müssen die Möglichkeit haben, die Argumente der Regierung, die zugrunde liegenden Informationen und die Gegenpositionen zu prüfen. Gerade bei Fragen von Krieg, Frieden und hohen Rüstungsausgaben ist eine offene öffentliche Kontrolle besonders wichtig.
Bildunterschrift: Sicherheitspolitische Entscheidungen werden in Deutschland parlamentarisch und politisch kontrovers diskutiert. Die Debatte über Verteidigungsausgaben und die Unterstützung der Ukraine gehört zu den zentralen außenpolitischen Konflikten der vergangenen Jahre.
Krone-Schmalz’ Kritik ist deshalb dort am stärksten, wo sie konkrete Fragen stellt: Welche Informationen liegen einer Bedrohungsanalyse zugrunde? Wie werden widersprüchliche Erkenntnisse kommuniziert? Und wie transparent sind politische Entscheidungen, wenn sie erhebliche finanzielle und sicherheitspolitische Konsequenzen haben?
Weniger überzeugend wird ihre Argumentation dort, wo aus einzelnen Beispielen eine umfassende Erklärung des politischen Systems abgeleitet wird. Der umstrittene Flug von von der Leyen zeigt Probleme bei der Berichterstattung, beweist aber keine systematische Medienkampagne gegen Russland.
Auch die wirtschaftlichen Interessen der Rüstungsindustrie verdienen Aufmerksamkeit, sind aber nicht automatisch eine alternative Erklärung für die gesamte europäische Sicherheitspolitik. Die offiziellen NATO- und Regierungsdokumente nennen konkrete sicherheitspolitische Gründe für den Ausbau der Verteidigungsfähigkeit. (NATO)
Damit bleibt von der Rede eine zentrale, aber keineswegs einfache Frage: Wie kann eine Demokratie ihre Bevölkerung vor realen Sicherheitsrisiken schützen, ohne politische Angst zum bestimmenden Faktor ihrer Kommunikation zu machen?
Die Antwort darauf liegt vermutlich weder in der pauschalen Zurückweisung russischer Bedrohungen noch in der Annahme, jede Warnung vor Russland sei lediglich Stimmungsmache. Notwendig ist vielmehr eine überprüfbare Trennung zwischen Fakten, Szenarien, politischen Bewertungen und Interessen.
Krone-Schmalz fordert genau diese Trennung ein, zieht daraus allerdings teilweise weitreichende politische Schlussfolgerungen. Ihre Kritik sollte deshalb weder als unumstößliche Wahrheit noch als bloße „russlandfreundliche“ Position abgetan werden.
Der Fall von der Leyen zeigt exemplarisch, warum eine solche offene Prüfung sinnvoll ist. Die ursprüngliche Geschichte wurde in wichtigen Punkten korrigiert oder relativiert, während die Frage einer möglichen GPS-Interferenz und ihrer Ursache nicht vollständig geklärt wurde. (European Parliament)
Am Ende geht es damit um mehr als um eine einzelne Journalistin oder einen einzelnen Flug. Es geht um die Frage, wie Deutschland in einer zunehmend angespannten Sicherheitslage politische Entscheidungen begründet und wie Medien darüber berichten.
Die steigenden Verteidigungsausgaben, die neue Sicherheitsstrategie der Bundesregierung und die offizielle NATO-Einschätzung Russlands bilden den realen politischen Hintergrund. Krone-Schmalz stellt diesen Kurs grundsätzlich infrage und fordert mehr Skepsis gegenüber vereinfachenden Bedrohungsnarrativen.
Ob ihre Kritik überzeugt, hängt letztlich davon ab, wie man das Verhältnis zwischen Abschreckung und Diplomatie, zwischen Sicherheitsvorsorge und Eskalationsrisiko sowie zwischen wirtschaftlichen Interessen und strategischer Notwendigkeit bewertet. Gerade deshalb bleibt die Debatte politisch relevant.
