Krone-Schmalz stellt westliche Russland-Berichterstattung infrage – Streit über Sprache, Narrative und den Ukraine-Krieg
Gabriele Krone-Schmalz verbindet in ihren Ausführungen drei Themen: die politische Sprache im Ukraine-Krieg, die Rolle der Medien und den Umgang mit abweichenden Deutungen. Ihre zentrale These lautet, dass Feindbilder politische Entscheidungen beeinflussen können.
Dabei richtet sich ihre Kritik vor allem gegen eine Berichterstattung, die aus ihrer Sicht zunehmend zwischen „guten“ und „bösen“ Akteuren unterscheidet. Besonders problematisch sei dies, wenn sprachliche Unterschiede bereits eine bestimmte Bewertung eines Ereignisses nahelegten.
Bildhinweis: Gabriele Krone-Schmalz bei einem Fernsehauftritt, Wikimedia Commons, Superbass, CC BY-SA 4.0. Das zweite Motiv zeigt den BRICS-Gipfel in Kasan 2024; Quelle: President.az, CC BY 4.0.
Krone-Schmalz warnt zunächst vor der politischen Wirkung von Freund-Feind-Bildern. Ihrer Einschätzung nach können sie dazu beitragen, in einer Gesellschaft die Bereitschaft für langfristige militärische und finanzielle Unterstützung eines Krieges zu erhöhen.
Insbesondere weist sie die Vorstellung zurück, die Freiheit und Demokratie Deutschlands würden unmittelbar in der Ukraine verteidigt. Dabei zieht sie einen Vergleich zur früheren Formel, wonach westliche Werte am Hindukusch verteidigt worden seien.
Ihre Argumentation zielt damit auf eine grundsätzliche Frage: Wie weit darf politische Kommunikation gehen, wenn sie Unterstützung für außen- und sicherheitspolitische Entscheidungen mobilisieren soll? Für Krone-Schmalz beginnt hier eine problematische Vermischung von Information und politischer Überzeugungsarbeit.
Besonders kritisch bewertet sie den Wandel politischer Begriffe. Aus „wehrhaft“ und „verteidigungsfähig“ seien zunehmend Formulierungen wie „kriegstüchtig“ und „kriegsbereit“ geworden. Darin erkennt sie nicht lediglich eine sprachliche Veränderung, sondern einen möglichen Wandel gesellschaftlicher Prioritäten.
Auch die Berufung auf internationale Regeln betrachtet sie differenziert. Krone-Schmalz verweist auf die UN-Charta und das deutsche Verfassungsverständnis und stellt die Frage, ob daraus tatsächlich jene weitreichenden moralischen Verpflichtungen abgeleitet werden können, die in politischen Debatten häufig behauptet werden.
Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Kritik ist die journalistische Sprache. Sie schildert eine Nachrichtensendung, in der eine Aussage des damaligen Außenministers Heiko Maas ihrer Wahrnehmung nach zugespitzt wiedergegeben worden sei. Daraus leitet sie grundsätzliche Zweifel an der Arbeitsweise politischer Medien ab.
Dabei geht es ihr weniger um einen einzelnen Nachrichtenbeitrag als um ein journalistisches Muster. Verkürzte Fragen wie „Ja oder Nein?“ könnten ihrer Ansicht nach komplexe politische Positionen so stark reduzieren, dass am Ende eine gewünschte Schlagzeile leichter erzeugt werde.
Diese Kritik lässt sich als Plädoyer für mehr Kontext verstehen. Politische Interviews müssen zwar kritisch sein, zugleich besteht aber ein Unterschied zwischen zugespitzter Befragung und einer Darstellung, die dem Gesprächspartner eine Aussage zuschreibt, die dieser so nicht gemacht hat.
Besonders deutlich wird ihre Kritik an Begriffspaaren. Sie verweist auf unterschiedliche Formulierungen wie „angebliche Kriegsverbrechen“, „Kernenergie“ oder „Atomkraft“ sowie auf Begriffe wie „Schleuser“ und „Fluchthelfer“. Sprache, so ihre These, beeinflusse die Wahrnehmung politischer Vorgänge.
Dass Medienbegriffe politische Wirkung entfalten können, ist grundsätzlich unbestritten. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass jede unterschiedliche Wortwahl gezielte Stimmungsmache darstellt. Eine solche Schlussfolgerung bleibt eine Interpretation und müsste jeweils anhand konkreter Beiträge überprüft werden.
Auch die Bezeichnung „Russland-Versteher“ beschäftigt Krone-Schmalz. Sie beschreibt das Etikett als politisch und beruflich problematisch und sieht darin einen sozialen Druck, der Journalisten davon abhalten könne, bestimmte Argumente überhaupt noch zu vertreten.
Ihre Kritik an der medialen Darstellung Russlands verbindet sie anschließend mit dem Begriff „Narrativ“. Dieser Begriff bezeichnet in der politischen Kommunikation eine bestimmte interpretative Erzählung. Krone-Schmalz warnt davor, dass solche Narrative Fakten nicht nur erklären, sondern deren Wahrnehmung bereits strukturieren können.
Aus ihrer Sicht existieren in internationalen Konflikten unterschiedliche nationale Narrative. Was in einem Land als richtige Interpretation gelte, könne anderswo als falsche Darstellung erscheinen. Gerade deshalb müsse journalistische Arbeit versuchen, zwischen überprüfbaren Tatsachen und politischen Deutungen zu unterscheiden.
Ein Beispiel sieht sie in der internationalen Wahrnehmung Russlands. Ihrer Ansicht nach werde zunehmend ein Feindbild aufgebaut, das an die Konfrontation des Kalten Krieges erinnere. Sie fordert stattdessen, stärker nach russischen Interessen und Motiven zu fragen, ohne diese dadurch automatisch zu rechtfertigen.
Ihre Ausführungen über die BRICS-Staaten knüpfen daran an. Beim Gipfel in Kasan im Oktober 2024 kamen Vertreter zahlreicher Staaten im BRICS- beziehungsweise BRICS-Plus-Format zusammen. Die Veranstaltung zeigte tatsächlich, dass Russland international keineswegs ohne Kontakte und Partner dastand.
Allerdings ist die Schlussfolgerung, Russland sei deshalb grundsätzlich „nicht isoliert“, politisch differenziert zu betrachten. Die Teilnahme zahlreicher Staaten an einem multilateralen Gipfel beweist weder eine vollständige politische Unterstützung Moskaus noch das Ende westlicher Einflussnahme.
Indonesien wurde im Januar 2025 offiziell Vollmitglied der BRICS. Das indonesische Außenministerium bezeichnete den Beitritt als Schritt zur stärkeren Beteiligung des Landes an globalen Fragen und zur Zusammenarbeit mit anderen Schwellen- und Entwicklungsländern. (Kemlu)
Auch beim Digital Services Act setzt Krone-Schmalz einen Schwerpunkt. Sie warnt davor, Maßnahmen gegen Desinformation könnten politisch missliebige Meinungen verdrängen. Diese Bewertung ist jedoch von den tatsächlichen gesetzlichen Zielsetzungen und Definitionen des europäischen Regelwerks zu unterscheiden.
Die Europäische Kommission definiert Desinformation ausdrücklich als nachweislich falsche oder irreführende Informationen, die mit wirtschaftlicher oder täuschender Absicht verbreitet werden und öffentlichen Schaden verursachen können. Der Begriff ist damit keineswegs völlig undefiniert, wie es in ihrer Darstellung erscheint. (European Commission)
Der Digital Services Act gilt seit August 2023 für sehr große Online-Plattformen und Suchmaschinen und seit Februar 2024 grundsätzlich für weitere Plattformen. Er verpflichtet Anbieter unter anderem zur Auseinandersetzung mit systemischen Risiken und soll zugleich Grundrechte der Nutzer schützen. (European Data Portal)
Damit bleibt Krone-Schmalz’ Warnung vor einer möglichen Einschränkung des Meinungsspektrums eine politische Bewertung, keine feststehende Folge des Gesetzes. Gerade hier zeigt sich die Bedeutung ihrer eigenen Forderung: Behauptungen über Medien, Regulierung und Meinungsfreiheit müssen ebenfalls überprüfbar bleiben.
Zum Schluss kehrt Krone-Schmalz zum Ukraine-Krieg zurück. Sie verweist auf die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine in Istanbul im Frühjahr 2022 und vertritt die Auffassung, damals habe eine realistische Chance auf eine diplomatische Beendigung des Konflikts bestanden.
Tatsächlich gab es Ende März 2022 direkte Gespräche in Istanbul. Die ukrainische Seite brachte unter anderem eine mögliche Neutralität im Austausch für Sicherheitsgarantien ins Gespräch. Der türkische Außenminister bezeichnete die Gespräche anschließend als bedeutenden Fortschritt, zugleich blieben zentrale Fragen offen. (euronews)
Die weitergehende Behauptung, der Krieg hätte damals innerhalb weniger Wochen beendet werden können und sei letztlich am fehlenden Interesse westlicher Staaten gescheitert, lässt sich dagegen nicht als gesicherte Tatsache darstellen. Über die Gründe des Scheiterns bestehen bis heute unterschiedliche Bewertungen.
Gerade dieser Punkt macht die politische Kontroverse besonders deutlich. Krone-Schmalz interpretiert die damaligen Verhandlungen als verpasste diplomatische Chance. Andere Analysen verweisen auf ungelöste territoriale Fragen, Sicherheitsgarantien und erhebliche Differenzen zwischen den Kriegsparteien. Ein eindeutiger Konsens existiert darüber nicht.
Im Kern fordert Krone-Schmalz deshalb einen anderen Umgang mit politischer Kommunikation: weniger moralische Etiketten, mehr Kontext und eine deutlichere Trennung zwischen überprüfbaren Fakten und politischen Interpretationen. Ihre Kritik richtet sich damit nicht nur gegen einzelne Medienberichte, sondern gegen ein umfassenderes Kommunikationsmuster.
Politisch relevant bleibt vor allem die Frage, wie demokratische Gesellschaften mit kontroversen Positionen umgehen. Kritik an Russland, Unterstützung der Ukraine und die Bekämpfung von Desinformation können gleichzeitig legitime politische Anliegen sein. Entscheidend ist, dass sie nicht von vornherein die offene Debatte ersetzen.
Die Diskussion über Krone-Schmalz’ Positionen wird deshalb voraussichtlich weitergehen. Ihre Einwände gegen sprachliche Zuspitzungen und politische Narrative verdienen eine überprüfbare Auseinandersetzung; zugleich müssen auch ihre eigenen historischen und politischen Schlussfolgerungen denselben Maßstäben der Belegbarkeit unterliegen.
