Krone-Schmalz warnt vor weiterer Eskalation: Warum sie auf Diplomatie setzt

Gabriele Krone-Schmalz stellt die westliche Ukrainepolitik erneut grundsätzlich infrage. In einem Vortrag beschäftigt sie sich mit Sicherheitsinteressen, Sanktionen, Waffenlieferungen und der Frage, wie der Krieg beendet werden könnte. Dabei warnt sie insbesondere vor einer weiteren militärischen Eskalation.
Die ehemalige ARD-Korrespondentin in Moskau argumentiert, die Sicherheitsinteressen Russlands würden im politischen Westen häufig nicht ausreichend berücksichtigt. Gleichzeitig würden russische Wahrnehmungen von Sicherheitsmaßnahmen in Osteuropa wiederum als Bedrohung interpretiert. So entstehe eine gegenseitige Eskalationsspirale.
Gabriele Krone-Schmalz bei einem öffentlichen Vortrag. Foto: Horst Galuschka / Wikimedia Commons bzw. Veranstaltungsveröffentlichungen.
Krone-Schmalz gehört seit Jahren zu den Stimmen, die für einen stärker diplomatisch ausgerichteten Umgang mit Russland eintreten. Auch ihre aktuellen Veranstaltungen befassen sich ausdrücklich mit der Frage, wie die Eskalationsspirale beendet und eine europäische Friedensordnung geschaffen werden könnte.
Einen Schwerpunkt ihrer Argumentation bilden die Sanktionen. Krone-Schmalz bezweifelt, dass wirtschaftlicher Druck automatisch zu politischen Kursänderungen führt. Sie verweist dabei auf historische Beispiele und vertritt die These, dass Sanktionen teilweise sogar zu einer stärkeren innenpolitischen Abschottung beitragen könnten.
Diese Einschätzung ist allerdings eine politische Bewertung und keine allgemein anerkannte Schlussfolgerung. Die Wirksamkeit von Sanktionen hängt von ihren konkreten Zielen, ihrer internationalen Durchsetzung und den wirtschaftlichen sowie politischen Umständen des jeweiligen Staates ab. Krone-Schmalz setzt hier einen anderen Schwerpunkt.
Zur Illustration verweist sie auf die deutsche Geschichte nach den beiden Weltkriegen. Während die Bedingungen nach dem Ersten Weltkrieg zur politischen Radikalisierung beigetragen hätten, sei Westdeutschland nach 1945 unter anderem durch den Marshallplan wirtschaftlich unterstützt worden.
Krone-Schmalz warnt ausdrücklich davor, diese historischen Entwicklungen unmittelbar gleichzusetzen. Ihr Argument richtet sich vielmehr gegen die Vorstellung, wirtschaftlicher Druck müsse lediglich lange genug aufrechterhalten werden, um automatisch positive politische Veränderungen hervorzurufen.
Besonders kritisch betrachtet sie die unterschiedlichen Maßstäbe westlicher Außenpolitik. Sie verweist auf Staaten, mit denen westliche Regierungen trotz erheblicher Menschenrechts- oder Konfliktfragen enge Beziehungen unterhalten. Daraus leitet sie den Vorwurf ab, internationale Politik folge häufig Interessen.
Die daraus entstehende Kritik an einer vermeintlich selektiven Moral ist ein zentraler Bestandteil ihrer Argumentation. Krone-Schmalz fordert deshalb, politische Interessen offener zu benennen, anstatt außenpolitische Entscheidungen ausschließlich mit moralischen Kategorien zu begründen.
Auch die Energiepolitik wird in diesem Zusammenhang angesprochen. Die Debatte über russische Energieimporte ist tatsächlich komplexer, als es die politische Auseinandersetzung häufig erscheinen lässt. Die Europäische Union hat inzwischen einen schrittweisen Ausstieg aus russischem Gas beschlossen.
Dabei bestehen innerhalb Europas weiterhin Unterschiede. Die EU-Regelungen sehen Übergangsfristen vor, während langfristige Verträge mit russischen Gaslieferungen teilweise noch auslaufen. ACER berichtete 2026 weiterhin über russische LNG-Lieferungen nach Spanien, Frankreich, Belgien und in die Niederlande.
Krone-Schmalz stellt anschließend die Frage nach den militärischen Möglichkeiten zur Beendigung des Krieges. Ihre Antwort fällt eindeutig aus: Eine weitere Steigerung der Waffenlieferungen hält sie nicht für den richtigen Weg. Stattdessen plädiert sie für Verhandlungen und diplomatische Initiativen.
Dabei erkennt sie ausdrücklich das Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung an. Ihre Kritik richtet sich daher nicht gegen die grundsätzliche Möglichkeit ukrainischer Gegenwehr, sondern gegen eine Strategie, die ihrer Einschätzung nach auf eine dauerhafte militärische Eskalation hinauslaufen könnte.
Besonders kontrovers ist ihre Verwendung des Begriffs „Stellvertreterkrieg“. Krone-Schmalz beschreibt damit die starke Beteiligung westlicher Staaten an der militärischen Unterstützung der Ukraine. Der Begriff ist politisch umstritten und sollte deshalb nicht mit der Behauptung gleichgesetzt werden, der Krieg sei ausschließlich ein Konflikt zwischen anderen Mächten.
In ihrer Analyse steht vielmehr die Frage im Vordergrund, welche Kriegsziele verfolgt werden. Sie verweist auf die frühere amerikanische Diskussion über eine Schwächung Russlands und stellt dem die Forderung gegenüber, den Krieg möglichst schnell zu beenden.
Dabei lehnt sie insbesondere eine Politik ab, die militärische Unterstützung primär als Mittel zur Bestrafung Russlands versteht. Entscheidend sei aus ihrer Sicht nicht, einer Seite eine politische Lektion zu erteilen, sondern die Zahl der Opfer zu reduzieren und eine tragfähige Nachkriegsordnung zu ermöglichen.
Besonders eindringlich äußert sich Krone-Schmalz zur zunehmenden Kriegsrhetorik. Aussagen über einen Kampf „bis zum Schluss“ betrachtet sie mit Sorge. Sie warnt davor, politische Entschlossenheit mit einer Bereitschaft zur unbegrenzten Eskalation zu verwechseln.
Ihre Forderung nach Diplomatie verbindet sie deshalb mit dem Gedanken, dass eine Friedenslösung allen Beteiligten ermöglichen müsse, ohne vollständigen Gesichtsverlust aus einem Konflikt herauszukommen. Gerade dieser Ansatz dürfte politisch kontrovers bleiben, weil er Fragen nach Verantwortung und Gerechtigkeit aufwirft.
Krone-Schmalz spricht sich zudem für vertrauliche Gespräche auf höchster Ebene aus. Dass sie dabei ausdrücklich von Geheimdiplomatie spricht, zeigt ihre Einschätzung, dass öffentliche Verhandlungen unter starkem innenpolitischem Druck möglicherweise weniger Spielraum für Kompromisse bieten.
Der politische Kern ihrer Argumentation liegt damit in einer grundsätzlichen Prioritätensetzung: Nicht die Bestrafung Russlands, sondern die Beendigung des Krieges müsse das wichtigste Ziel sein. Diese Perspektive steht jedoch im Spannungsverhältnis zu Positionen, die Abschreckung und militärischen Druck als Voraussetzung für Verhandlungen betrachten.
Auch ihre Einschätzung der russischen Sicherheitsinteressen bleibt umstritten. Dass Russland Sicherheitsbedrohungen wahrnimmt, ist eine Tatsache der internationalen Politik; daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass seine politischen oder militärischen Reaktionen legitim wären. Gerade diese Unterscheidung ist für eine nüchterne Analyse entscheidend.
Krone-Schmalz fordert letztlich eine Abkehr von vereinfachenden Freund-Feind-Bildern. Ihre Perspektive konzentriert sich auf Interessen, Sicherheitsdilemmata und diplomatische Handlungsmöglichkeiten. Kritiker ihrer Position werfen ihr dagegen vor, russische Sicherheitsargumente zu stark zu gewichten und die Verantwortung Moskaus für den Krieg nicht ausreichend in den Mittelpunkt zu stellen.
Damit berührt der Vortrag eine der schwierigsten Fragen der europäischen Politik: Wie kann eine Friedenslösung aussehen, die gleichzeitig die territoriale Integrität der Ukraine, ihre Sicherheitsinteressen und die langfristige europäische Sicherheitsordnung berücksichtigt?
Eine einfache Antwort liefert Krone-Schmalz nicht. Ihre Position ist vielmehr ein Plädoyer dafür, militärische Optionen nicht als einzigen Weg zu betrachten und diplomatische Kanäle auch unter schwierigen Bedingungen offenzuhalten. Genau darin liegt zugleich der politische Konflikt ihrer Argumentation.
Der Blick auf ihre aktuellen Veranstaltungen zeigt, dass diese Themen keineswegs abgeschlossen sind. Sicherheitsgarantien, Diplomatie, Sanktionen und Waffenlieferungen stehen weiterhin im Mittelpunkt ihrer öffentlichen Analysen. Auch 2026 fordert sie eine europäische Friedensordnung, die Russland einbezieht.
Am Ende bleibt deshalb weniger eine konkrete Prognose als eine politische Warnung: Eine dauerhafte Eskalation kann nach Ansicht Krone-Schmalz’ schwer kontrollierbare Folgen haben. Ob Diplomatie tatsächlich schneller zu einem Ende des Krieges führen kann, bleibt ebenso umstritten wie die Frage, welche Zugeständnisse dafür notwendig wären.
Die Debatte über ihre Position wird deshalb weitergehen. Zwischen dem Ruf nach militärischer Abschreckung und der Forderung nach Verhandlungen verläuft eine der entscheidenden politischen Konfliktlinien des Ukrainekrieges. Krone-Schmalz stellt sich dabei klar auf die Seite einer stärkeren diplomatischen Orientierung.
