
Die Union pochte zuletzt darauf, das Milliardenloch in der Pflegeversicherung vorrangig durch eine leichte Beitragserhöhung zu schließen und die private Pflegepflichtversicherung unverändert zu belassen. Aus Sicht der SPD wäre das jedoch ein „weiter so“, das die Schere zwischen Gut- und Geringverdienenden weiter öffne.
Während Sozialverbände Alarm schlugen und vor einem Kollaps der Versorgung warnten, war von Regierungsseite bis gestern Abend lediglich zu hören, „alle Optionen“ würden geprüft. Hinter verschlossenen Türen rangen Fachpolitiker um eine Lösung, die gleichzeitig das Defizit stopft und den Koalitionsfrieden rettet.
Finanzdruck und politische Verantwortung

Für zusätzlichen Druck sorgten neue Berechnungen der Pflegekassen: Ohne Reform könnten der Versicherung im kommenden Jahr bis zu 7,5 Milliarden Euro fehlen. Schon jetzt melden viele ambulante Dienste Engpässe, weil Personalkosten schneller steigen als die Vergütung.
Gleichzeitig will Gesundheitsminister Carsten Linnemann unbedingt beweisen, dass die große Koalition auch in ihrer Spätphase noch handlungsfähig ist. Die Oppositionsparteien stellten sich gestern im Bundestag hämisch darauf ein, eine vertagte Kabinettssitzung als Beweis für „organisierte Verantwortungslosigkeit“ auszuschlachten.
Nächtliche Marathonverhandlungen im Regierungsviertel

Bis tief in die Nacht blockierten zwei Themen jede Annäherung: die zukünftige Lastenverteilung zwischen gesetzlicher und privater Pflegeversicherung sowie der Umfang eines möglichen Steuerzuschusses. Besonders heikel war die Forderung der SPD, höhere Beiträge für Beihilfeberechtigte einzuführen.
Erst nach Mitternacht stieg eine kleine Verhandlungsgruppe noch einmal in den Ministergarten hinab – abgeschottet, ohne Beraterstab, nur mit Taschenrechner und Kaffee. Drinnen kursierten die Szenarien: von einem kompletten Neuanlauf bis hin zur harten Verschiebung auf unbestimmte Zeit.
Durchbruch kurz vor Sitzungsbeginn

Kurz vor sieben Uhr heute Morgen dann die Wende: SPD und Union einigten sich auf einen Kompromiss, der eine moderat angehobene Beitragssatz-Obergrenze von 3,75 Prozent mit einem jährlichen Bundeszuschuss von zwei Milliarden Euro kombiniert. Im Gegenzug verzichtet die SPD auf eine separate Sonderabgabe für Privatversicherte, erreicht dafür aber eine gestaffelte Entlastung pflegender Angehöriger.
Mit dieser Einigung im Gepäck konnte Minister Linnemann den Gesetzentwurf fristgerecht ins Bundeskabinett einbringen. Die Sitzung läuft seit dem Vormittag, eine Annahme des Papiers gilt nach der nächtlichen Punktlandung als sicher – und ein Scheitern der Reform ist damit, vorerst, vom Tisch.
Was die Einigung für Pflegebedürftige bedeutet

Für Pflegebedürftige soll der Eigenanteil ab 1. Juli 2027 schrittweise sinken; innerhalb von drei Jahren werden bis zu 400 Euro monatlich durch die Kassen übernommen. Wer Angehörige zuhause pflegt, erhält künftig außerdem doppelt so viele Stunden kostenlose Pflegeberatung.
Kritiker behalten den Finanzierungsmechanismus weiter im Auge: Reicht der neue Mix aus Beitragsanpassung und Staatszuschuss nicht aus, müsste der Bundestag schon 2028 erneut nachsteuern. Erst einmal aber atmet das Pflegesystem auf – und die Koalition kann einen bedeutenden Reformerfolg verbuchen.
