US-Langstreckenwaffen in Deutschland: Krone-Schmalz warnt vor einer neuen Eskalationsspirale

Gabriele Krone-Schmalz verbindet die geplante Stationierung amerikanischer Langstreckenwaffen in Deutschland mit einer grundsätzlichen Frage deutscher Sicherheitspolitik: Erhöht die neue militärische Fähigkeit tatsächlich die Sicherheit – oder wächst dadurch zugleich das Risiko einer weiteren Eskalation?
Der Ausgangspunkt ihrer Kritik ist eine Vereinbarung zwischen Deutschland und den USA aus dem Juli 2024. Darin kündigten beide Regierungen an, dass die Vereinigten Staaten ab 2026 zeitweise weitreichende konventionelle Waffensysteme ihrer Multi-Domain Task Force in Deutschland stationieren werden.
Vorgesehen sind unter anderem Tomahawk-Marschflugkörper, SM-6-Systeme und künftig entwickelte Hyperschallwaffen. Nach Angaben der Bundesregierung sollen diese Fähigkeiten eine bestehende Lücke bei weitreichenden konventionellen Waffen in Europa schließen und zur Abschreckung beitragen.
Damit handelt es sich nicht lediglich um eine politische Absichtserklärung ohne militärischen Hintergrund. Die Bundesregierung hat die geplante Stationierung ausdrücklich bestätigt und erklärt, Deutschland habe das amerikanische Angebot angenommen. Die konkreten Stationierungsorte und Einzelheiten wurden zunächst noch ausgearbeitet.
Krone-Schmalz stellt diese Entscheidung jedoch aus einer anderen Perspektive dar. Für sie ist entscheidend, wie eine solche Stationierung aus russischer Sicht wahrgenommen werden könnte. Ihre zentrale Sorge lautet, dass Systeme mit großer Reichweite nicht nur abschreckend wirken, sondern zugleich als potenzielle Bedrohung interpretiert werden können.
Bildunterschrift: Das US-System Typhon kann unter anderem Tomahawk-Marschflugkörper und SM-6-Flugkörper einsetzen. Die Bundesregierung sieht darin einen Beitrag zur europäischen Abschreckung. Credit: U.S. Army.
Was tatsächlich vereinbart wurde
Die entscheidende Grundlage ist das gemeinsame Statement der Vereinigten Staaten und Deutschlands vom Juli 2024. Darin heißt es ausdrücklich, dass die USA ab 2026 sogenannte „episodic deployments“ ihrer weitreichenden Fähigkeiten in Deutschland beginnen wollen. Langfristig wird zugleich eine dauerhafte Stationierung in Betracht gezogen.
Die Formulierung ist deshalb relevant, weil sie die Stationierung nicht als ausschließlich deutsche oder ausschließlich amerikanische Einzelentscheidung beschreibt. Sie steht vielmehr im Zusammenhang mit der NATO-Verteidigungsplanung und der amerikanischen Verpflichtung gegenüber dem Bündnis.
Die deutsche Bundesregierung begründet das Vorhaben vor allem mit der veränderten europäischen Sicherheitslage. Russland verfügt über weitreichende Raketen und andere Waffensysteme, während europäische NATO-Staaten bei landgestützten Systemen dieser Reichweitenklasse bislang über begrenzte eigene Fähigkeiten verfügen.
Aus Sicht des Verteidigungsministeriums soll diese Lücke durch die amerikanische Präsenz vorübergehend geschlossen werden. Parallel arbeitet Deutschland an eigenen Fähigkeiten. Dazu gehören unter anderem der mögliche Erwerb von Tomahawk-Systemen und die Entwicklung europäischer Langstreckenwaffen.
Damit widerspricht die Faktenlage zugleich einer Darstellung, nach der Deutschland keinerlei Einfluss auf die Entscheidung gehabt habe. Die Bundesregierung erklärt ausdrücklich, Deutschland habe das amerikanische Angebot angenommen. Die Vereinbarung wurde also politisch von beiden Seiten getragen.
Die offene Frage der Abschreckung

Die politische Kontroverse beginnt deshalb weniger bei der Existenz der Vereinbarung als bei ihrer sicherheitspolitischen Bewertung. Befürworter sehen in den Waffen ein Instrument, das Russland von einem Angriff abschrecken soll. Kritiker warnen hingegen vor einer neuen Rüstungsspirale.
Krone-Schmalz gehört eindeutig zur zweiten Perspektive. Sie fragt, ob eine zusätzliche Stationierung weitreichender Systeme in Deutschland tatsächlich zu mehr Sicherheit führt. Besonders problematisch erscheint ihr, dass Deutschland dadurch selbst stärker in die strategische Reichweite eines möglichen Konflikts geraten könnte.
Diese Sorge lässt sich als sicherheitspolitisches Argument formulieren, ohne die weitergehende Schlussfolgerung zu übernehmen, die Stationierung werde zwangsläufig zu einem Angriff auf Deutschland führen. Eine solche Entwicklung ist nicht belegt und kann aus der Stationierung allein nicht abgeleitet werden.
Entscheidend ist vielmehr das sogenannte Sicherheitsdilemma: Maßnahmen, die ein Staat zur eigenen Abschreckung ergreift, können von einem anderen Staat als Bedrohung wahrgenommen werden. Dadurch können beide Seiten ihre militärischen Fähigkeiten weiter ausbauen, obwohl sie jeweils behaupten, defensiv zu handeln.
Genau diese Dynamik steht hinter Krone-Schmalz’ Kritik. Sie stellt nicht nur die militärische Fähigkeit selbst infrage, sondern die politische Logik dahinter. Aus ihrer Sicht müsste Deutschland stärker darüber diskutieren, ob zusätzliche Waffen tatsächlich Stabilität schaffen oder lediglich neue Risiken erzeugen.
Deutschland als Stationierungsort
Eine weitere Frage betrifft den Standort Deutschland. Krone-Schmalz verweist darauf, dass Deutschland bereits während des Kalten Krieges Schauplatz der Stationierung amerikanischer Mittelstreckenwaffen war. Damals führte der NATO-Doppelbeschluss zu massiven politischen Auseinandersetzungen und einer starken Friedensbewegung.
Der historische Vergleich ist jedoch nur begrenzt übertragbar. Die heutigen Systeme sind Teil einer anderen strategischen Konstellation und sollen nach Angaben der Bundesregierung konventionell eingesetzt werden. Die geplanten Waffen sind ausdrücklich nicht als nukleare Stationierung angekündigt.
Dennoch bleibt die politische Frage bestehen, welche Rolle Deutschland innerhalb der europäischen Sicherheitsarchitektur übernehmen will. Seine geografische Lage macht das Land militärisch bedeutend, zugleich bedeutet diese zentrale Position, dass Deutschland im Krisenfall eine besondere strategische Bedeutung besitzt.
Auch die Frage nach der Befehlsgewalt ist relevant. Aus den bisher veröffentlichten offiziellen Informationen lässt sich jedoch nicht ableiten, dass Deutschland über keinerlei Mitspracherecht verfügt oder dass die USA allein über sämtliche Einsatzentscheidungen bestimmen würden. Die konkreten operativen Kommandostrukturen wurden öffentlich nicht in allen Einzelheiten dargestellt.
Was sich seit 2024 verändert hat
Seit der ursprünglichen Vereinbarung hat sich die Diskussion weiterentwickelt. Die Bundesregierung erklärte 2025, dass die Stationierung Gegenstand weiterer Abstimmungen sei und ein amerikanisches „Force Posture Review“ berücksichtigt werden müsse.
Auch 2026 blieb die Entwicklung dynamisch. Die Bundesregierung erklärte im Juli, dass eine Grundsatzeinigung zu weiteren militärischen Vereinbarungen erzielt worden sei, während konkrete Zeitpläne und Modalitäten noch von den Vereinigten Staaten festgelegt würden.
Parallel verfolgt Deutschland inzwischen eigene Programme für weitreichende Präzisionswaffen. Dazu gehören die Modernisierung der Taurus-Bestände, die Entwicklung des Taurus Neo sowie europäische Projekte für weitreichende und hyperschallfähige Systeme.
Im Juli 2026 wurde zudem öffentlich, dass die Bundeswehr selbst Interesse am Kauf amerikanischer Tomahawk-Marschflugkörper und der dazugehörigen Typhon-Startgeräte hat. Damit entwickelt sich die Debatte von einer vorübergehenden amerikanischen Stationierung zunehmend zu einer europäischen Frage eigener Langstreckenfähigkeiten.
Zwischen Abschreckung und Eskalationsrisiko
Krone-Schmalz’ Warnung gewinnt vor diesem Hintergrund vor allem als politische Gegenposition Bedeutung. Sie stellt die Annahme infrage, dass mehr militärische Fähigkeiten automatisch mehr Sicherheit erzeugen. Ihre Perspektive fordert dazu auf, auch mögliche Reaktionen Russlands in die strategische Bewertung einzubeziehen.
Die Bundesregierung zieht daraus einen anderen Schluss. Aus ihrer Sicht hat sich die Bedrohungslage in Europa verändert, und glaubwürdige Abschreckung erfordert deshalb Fähigkeiten, mit denen potenzielle Angriffe beantwortet werden können. Die Stationierung soll gerade verhindern, dass Russland einen militärischen Vorteil aufgrund europäischer Fähigkeitslücken erhält.
Beide Sichtweisen beruhen damit auf unterschiedlichen Einschätzungen desselben Problems. Die eine Seite sieht zusätzliche Waffen als notwendige Antwort auf eine verschärfte Bedrohungslage. Die andere befürchtet, dass gerade diese Antwort die gegenseitige Bedrohungswahrnehmung verstärken könnte.
Eine sachliche Debatte muss deshalb beide Ebenen berücksichtigen. Es wäre ebenso verkürzt, jede militärische Stationierung automatisch als Vorbereitung eines Krieges zu interpretieren, wie es verkürzt wäre, mögliche Eskalationsrisiken grundsätzlich auszublenden.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Deutschland zwischen „Krieg“ und „Frieden“ wählen müsse. Vielmehr geht es darum, wie Abschreckung, Rüstungskontrolle, Diplomatie und Krisenkommunikation miteinander verbunden werden können.
Krone-Schmalz fordert in diesem Zusammenhang vor allem eine offene politische Debatte. Ihre Warnung richtet sich gegen eine Sicherheitspolitik, deren Folgen ihrer Ansicht nach zu wenig öffentlich diskutiert werden. Ob ihre Schlussfolgerungen überzeugen, hängt letztlich von der Bewertung der militärischen Risiken und der politischen Alternativen ab.
Fest steht: Die Stationierung weitreichender US-Waffensysteme in Deutschland ist real und politisch beschlossen worden. Sie umfasst nach offizieller Darstellung konventionelle Tomahawk-, SM-6- und künftig entwickelte Hyperschallsysteme und soll ab 2026 schrittweise umgesetzt werden.
Nicht belegt ist dagegen die Behauptung, Deutschland stehe deshalb unmittelbar vor einem russischen Angriff oder habe bei der Stationierung keinerlei politischen Einfluss. Solche Schlussfolgerungen gehen über die öffentlich bekannten Fakten hinaus.

Die eigentliche Auseinandersetzung liegt somit tiefer: Deutschland muss entscheiden, welche Rolle weitreichende Waffen künftig in seiner Sicherheitsstrategie spielen sollen. Zwischen Abschreckung und Dialog bleibt ein Spannungsfeld bestehen, das durch neue Waffensysteme nicht automatisch gelöst wird.
Krone-Schmalz’ Warnung kann deshalb als Aufforderung verstanden werden, diese strategische Entscheidung nicht allein militärisch zu betrachten. Die Frage, ob zusätzliche Waffen Sicherheit schaffen oder neue Risiken erzeugen, gehört in eine offene demokratische Debatte – gerade weil ihre Folgen weit über die aktuelle politische Konstellation hinausreichen.
